Wann ist eine Einrichtung "demenzgerecht"?
Meist sind Angehörige bereits am Ende ihrer Kräfte, wenn sie sich – oftmals eher zu spät als zu früh – um einen stationären Platz in einem Pflegeheim oder einer Tagespflege bemühen. Dann ist guter Rat teuer: woher erhalte ich die nötigen Informationen, und woran kann ich überhaupt erkennen, wann eine Einrichtung meinem demenzkranken Familienangehörigen überhaupt gerecht wird?
An erster Stelle sollte bei der Entscheidung Ihr persönlicher Eindruck der Einrichtung stehen: herrscht eine freundliche und offene Atmosphäre, hat Individualität und Flexibilität Vorrang vor starren Strukturen und Abläufen, geht die Heimleitung bzw. Ihr Ansprechpartner offen auf Ihre Fragen und Wünsche ein?
Personalschlüssel sind überall eng bemessen, so dass die Mitarbeit von Angehörigen und anderen Freiwilligen immer sinnvoll und angezeigt ist. Die Bereitschaft der Einrichtung sollte hier unbedingt abgefragt werden! Aber auch darüber hinaus gibt es Anhaltspunkte, die einem die Entscheidung erleichtern können - einige davon zeigen wir im folgenden auf.
Kriterien für demenzgerechte stationäre Unterbringung
allgemein:
- Übersichtliche, einfach zu erfassende Gebäudestruktur
- Geschützte Stationen (segregativer Ansatz), nach Möglichkeit Wohngruppen
- Eindeutige Wegeführung mit wiederkehrenden Hinweisen
- Sichtbeziehungen nach außen, um das „Orten“ zu erleichtern
- Markante, spezifische Gestaltung wichtiger Orte
- Vermeiden von Symmetrien und Wiederholungen
- „Sprechende“ Architektur, die Handlungssicherheit bietet
- Unbewußt wirkende Orientierungshilfen (z.B. Handlauf, Lichtführung, Bodenbelag)
konkrete Innengestaltung:
- Räumlich differenzierte, helle Flure
- Keine Sackgassen
- Beschützende Bauteile wie Nischen, Alkoven, Pavillons
- Sicher anmutende Treppen und Geländer
- Keine Verglasungen bis zum Boden
- Keine verwirrenden Muster oder Spiegeleffekte
- Keine krassen Farbunterschiede im Bodenbelag
technische Details: - Einfache Bedienungselemente (z.B. im Sanitärbereich)
- Möglichst helle Ausleuchtung (Minimum 700 Lux in Augenhöhe)
atmosphärische Anregungen:
- Streßarme, entspannende Umgebung, aber auch
- „Fenster zur Welt“, Option zur Wahrnehmung und Teilhabe am allgemeinen Geschehen
- Akustisch abgeschirmte Räume
- Räume für überschaubare Gruppen (kein „crowding“), nach Möglichkeit mit Sichtfenster zum Flur
- Heitere, freundliche Farben und Materialien
Verringerung der Weglaufgefahr und Selbstgefährdung:
- Grundriß, der eine visuelle Kontrolle der Aufenthaltsbereiche und des Ausgangs erleichtert
- Unauffälliger Stationsausgang
- Sichere, barrierefreie Gestaltung der Räume
- Beschützter, gefährdungsarmer Freibereich
Reaktionen auf Bewegungsbedürfnis und Hyperaktivität:
- Abwechslungsreiche und sichere „Wanderwege“ im Haus und im Freibereich, möglichst als Rundwege angeordnet
- Angebote für motorische Bedürfnisse, (z.B. altmodischer Wippnähmaschinentisch, Schaukelstuhl)
- Offenes Regal zum Räumen
Alltagsgestaltung:
- Milieutherapeutische Ausrichtung
- Möglichkeiten zur hauswirtschaftlichen Betätigung (Wohnküche, Nähzimmer, Gartenarbeit etc.)
- Vertraute Utensilien im privaten und allgemeinen Bereich
- Berücksichtigung individueller biographischer Aspekte in der räumlichen Gestaltung und im persönlichen Umgang
- Anregung zu körperlicher Aktivität
- Einbeziehung von musikalischen Elementen
- Einbeziehung von Tieren (Streicheltiere, Aquarium, Volière)
- Angebote undAnregungen im taktilen und sensorischen Bereich
- Flexibler Umgang mit Essenszeiten und Wach-Schlaf-Rhythmus (nach Möglichkeit...)
Betreuungskonzept:
- Weitestmögliche Beteiligung und Integration von Angehörigen und freiwilligen HelferInnen
- Minimierung von Fixierungen und sedierenden Medikamenten zugunsten persönlicher Betreuung und Zuwendung
- Kompetente, demenzgerechte ärztliche Versorgung (intern oder extern)
- Demenzgeschultes Personal
- Erhaltung von Ressourcen ohne Überforderung – kein Training!
- Anregungen und Aktivitäten s. Alltagsgestaltung
Quellen u.a.: Stationäre Versorgung von Alzheimer Patienten, Schriftenreihe der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (Kapitel 8, S. Heeg)